[ AUTONOMY | REDEMPTION OF DEPENDENCE ]

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Am 24. Juli 2018 wurde auf der Webseite der Humboldt Universität zu Berlin das Proposal der Doktorarbeit „The Water Crisis in the Greek Island Complex of the Cyclades: Diagnosis, Analysis and Rectification“ von Frau Dr. Ourania Papasozomenou veröffentlicht. In dem Abriss werden die Auswirkungen politischer, profitorientierter Entscheidungen nachgezeichnet, die unter anderem dazu führen, dass auf dem Gebiet der Kykladen eine teure Wasserversorgung herrscht.

In den Sommermonaten heben die Ströme an Touristen und die heißen Temperaturen auf den Kykladen Inseln den Bedarf an sauberen Trinkwasser. So steigt „Der Wasserverbrauch (…) auf Tinos im Sommer von 1.500 Kubikmetern auf durchschnittlich 2.700 Kubikmeter pro Tag/Person. Auf Syros ist die Situation sehr ähnlich. Das Trink- und Betriebswasser kommt aus dem Meer. Es gibt auf beiden Inseln kaum Grundwasser, 95 Prozent des Wassers wird in Entsalzungsanlagen aufbereitet.”

Der Einsatz von Entsalzungsanlagen stellt zwar die Grundversorgung mit Wasser in einem Gebiet sicher, in dem kaum Grundwasser zur Verfügung steht, bringt jedoch durch geschicktes Kalkül Problematiken mit sich, die den Betrieb einer solchen Anlage in ein unsauberes Unternehmen verwandeln. Der Betrieb einer solchen Anlage hat “… einen hohen Energiebedarf, der die Wasserpreise auf die doppelte Höhe im Vergleich zum Festland treibt, und (ist) zudem nicht nachhaltig. Es handelt sich um schmutzige Energie aus Kohlekraftwerken. Manchmal fehlen Ersatzteile für die Anlagen, was zur weiteren Verknappung führt. Es fehlt außerdem an Infrastruktur, um das gereinigte Abwasser zu nutzen. Es wird ins Meer zurückgeleitet, anstatt dass es in den Inselwasserkreislauf zurückkehrt.

Die Versorgung mit Wasser wird durch die Nutzung von Entsalzungsanlagen und dessen Betrieb zu einem privatwirtschaftlichen Unternehmen, das hohe Einnahmen generiert. Die darin angeschlossenen Energieversorger erhalten durch die hohe Abhängigkeit der Anlage zu Strom einen enormen Anteil an den Einnahmen, da diese als Betriebskosten weitergereicht werden. Es verdienen an der Not die Produzenten der Anlagen, der Filter und der Ersatzteile und die Stromanbieter, die die Anlage mit Energie versorgen.

Zusammen mit dem sich stetig wiederholenden Bedarf an Ersatzteilen und Filter entsteht aus dem Bedürfnis an einer Grundversorgung mit Wasser eine starke Abhängigkeit zu kapitalistischen Strukturen. Wasser wird zum Geschäft, zur Ware, die nicht abbestellt werden kann und darüber hinaus die Umweltverschmutzung durch die Nutzung solcher Anlagen vorantreibt.

Wasser wird politisch, wenn “… die technischen und physikalischen Gegebenheiten der Inseln … gar nicht die Hauptursache der unsicheren, teuren Wasserversorgung (sind), …” und “Die Athener Gesetzgebung … die Priorität auf Entsalzungsanlagen (setzt), …”

Wenn die griechische Gesetzgebung ihre Prioritäten in Richtung teurer Anlagen verschiebt, ist die Wasserkrise ein politisches Kalkül, das die Position der Anbieter jener Anlagen stärken und die Abnehmer in teuren Abhängigkeiten halten soll. Gute und saubere Lösungen für die Wasserkrise sind vorhanden, werden jedoch zurückgehalten, um Wasser in eine finanzielle Ressource zu verwandeln.

Eine Abkehr bedarf einer Rebellion von unten. Eine Rebellion, die Strukturen schafft, um diese Abhängigkeiten aufzuheben und sich von profitorientierten Konstellationen zu befreien. Sie muss Druck ausüben, damit politische Entscheidungen danach getroffen werden, wie sie der eigenen Bevölkerung nützen und sie stärken. Die wirtschaftlich Abhängigen müssen dabei eine Vorreiterrolle auf dem Weg zu einer Postwachstumsgesellschaft einnehmen, da nur sie Veränderungen vorantreiben, die den Wachstum zurücknehmen.

Die größtmögliche Rücknahme der Abhängigkeiten ist ein Schritt vor der Politik, der in diese hineinwirken kann und im späteren Verlauf auch soll.  Die Möglichkeiten einer Entwicklung und eines Einsatz von autarken Systemen im mikroökonomischen Bereich müssen ausgelotet und notfalls mit zivilem Ungehorsam durchgesetzt werden. Es wäre hier also zu fragen, welche Kreisläufe im Kleinen aufgebaut werden können, die das eigene Wasser recyceln und wieder nutzbar machen. Kann ein Regenrückhaltebecken gebaut werden, der in den Sommermonaten als Süßwasserspeicher dient? Kann das Abwasser der Küche zum Bewässern eines Gartens genutzt werden?

Auch in Zeiten der Not haben wir die Pflicht unseren Verstand zu gebrauchen und über unsere Abhängigkeiten und eigene Situation nachzudenken, mit der wir im derzeitigen Wirtschafts- und Sozialsystem eingebunden sind. Die Befreiung von Abhängigkeiten ist ein Akt des Verstandes, der nur als schön bezeichnet werden kann.

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On the 24th of July, 2018 the proposal of the doctoral thesis from Dr. Ourania Papasozomenou “The Water Crisis in the Greek Island Complex of the Cyclades: Diagnosis, Analysis, and Rectification” was published on the web page of the Humboldt University to Berlin. In the overview are the effects of political, profit-oriented decisions explained which lead to the fact that in the area of the Cyclades an expensive water supply is implemented.

During the summer months the streams of tourist and the hot temperatures on the Cyclades islands lift the need of clean drinking water. Thus „The water consumption (…) on Tino rises in summer to 1,500 cubic metres on an average 2,700 cubic metres per day / person. On Syros the situation is very similar. The drinking water comes from the sea. There is on both islands hardly ground water, 95 percent of the water is processed in desalination systems.

Although the application of desalination systems guarantees the basic care with water in an area in which hardly ground water is available, nevertheless, the skilful calculation produces problems which transform the operation of that arrangement into a dirty project. The company of such an arrangement has “… a high energy demand which boosts the water prices on the double height in comparison to the mainland, and, besides it’s not sustainable. It concerns dirty energy from coal-fired power stations. Spare parts are sometimes absent what leads to an other shortage. Moreover, there is not enough infrastructure to use the cleaned water. It’s led back in the sea instead of returning it into the island water cycle.

The care about water becomes by the use of desalination systems and its operation to a private-economic project which generates high income. Because of the high dependence to energy the energy providers are direct connected in and get a huge part of the income. The producers of the systems, the filters and the spare parts and the energy provider who supply the system with energy earn with the need of water.

Together with the steadily recurring need of spare parts and filter a strong dependence originates from the need in a basic care with water to capitalistic structures. Water becomes the business, the product which cannot be cancelled and, in addition, the environmental pollution speeds up by the use of such arrangements.

Water becomes political if “… the technical and physical circumstances of the islands … at all are not the main cause of the unsafe, expensive water supply…” and “The Athens legislation lays the priority on desalination systems …

If the Greek legislation shifts their priorities in the direction of expensive arrangements, the water crisis is a political calculation which the position of the suppliers of those arrangements strengthen and which should hold all in expensive dependence. Good and clean solutions for the water crisis exist, nevertheless, are held back to transform water into a financial resource.

A conscious departure needs a rebellion from the bottom. A rebellion which creates structures to set aside this dependence and to escape from profit oriented constellations. It must produces pressure, so that political decisions are made of how they are useful to the own citizen and strengthen them. Besides, the economically dependence must take a pioneering role on the way to a degrowth society, because only they can push the changes forward which take back the capitalisitc growth.

The greatest possible redemption of the dependence is one step before the politics which has an impact on this. The possibilities of a development and an operation of self-sufficient systems in the microeconomic area must be find out and if necessary asserted with civil disobedience. It have to be asked here which circulations can be built up to recycle own water and use it again. Can an active rainbasin be built which serves during the summer months as a freshwater storage? Can the greywater of the kitchen be used for watering the garden?

Also in times of the need we have the obligation to use our mind and to think about our dependence and own situation with which we are integrated in the present economic and social system. The freeing from dependence is an act of the mind which can be only called beautiful.

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Quelle:
Wem gehört die Welt? Wasserknappheit auf den Kykladen

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